Ehrlich währt am längsten!
Ehrlich währt am längsten?
Unbedingt!!!
Erstaunlicherweise habe ich daran niemals, zu keinem einzigen Zeitpunkt in über fünf Jahrzehnten Leben, gezweifelt. Ehrlich währt am längsten – das ist ganz klar und unabänderlich.
Warum ich das erstaunlich finde?
Ja, es gab unglaublich krasse Situationen über Jahrzehnte hinweg, die mich eigentlich – wenn man ganz logisch und analytisch vorgeht – an diesem Satz hätten zweifeln lassen müssen. Ich kann es nicht sagen, warum. Ich war mir immer sicher, dass es so ist. Nicht, dass ich das wie ein Mantra immer vor mich her gemurmelt hätte oder aus Gewohnheit oder Selbstschutz daran geglaubt hätte. Nein, nein – wirklich inhaltlich. Ich war immer davon überzeugt.
Und jetzt machen wir einen Sprung.
Mittlerweile sind, wie gesagt, über fünf Jahrzehnte vergangen. Nach wie vor bin ich der Meinung: Ehrlich währt am längsten, unbedingt, und da gibt es nichts dran zu rütteln.
Diesmal ist es nicht allein nur meine Meinung, sondern meine Meinung im Zusammenspiel mit meiner bisherigen Lebenserfahrung. Also schon zwei Punkte, die dafür sprechen.
Ich bin noch auf eine katholische Grundschule gegangen. Man lernt schon im zweiten Schuljahr die Zehn Gebote; so wurde es mir auch von meiner Oma und meinem Vater erklärt. Ehrlichkeit war für mich überhaupt kein Thema. Natürlich ist man ehrlich, und man lügt nicht. Und ich habe nicht gelogen – niemals, kein einziges Mal. Ich kam gar nicht auf die Idee.
Mit neun Jahren ging ich zur Erstkommunion. Wir lernten in der Schule, wie der Ablauf sein würde und dass man vorher zur Beichte geht. Auch das lernten wir: Was man da sagt, worum es geht, bestimmte Formulierungen, die man anwendet, und so weiter und so weiter.
Dann kam in der Vorbereitungszeit ein Tag, an dem unsere ganze Klasse mit der Lehrerin in die Franziskaner-Kirche ging, und jedes Kind ging nacheinander zur Beichte. Wir wussten jetzt, wie das geht, auch wenn am Anfang noch unklar war:
Was soll man denn beichten? Sünden – was denn für Sünden?
Man ist doch ein Kind. Geklaut hat man noch nie, jemanden umgebracht auch nicht – was versündigt man denn?
Aber das wurde uns erklärt. Das hatten dann auch alle begriffen. Ich sowieso.
Sünde ist bereits ein Fehlverhalten, wenn es beabsichtigt ist und wenn es in hinterhältiger Intention stattfindet.
Aber jetzt kommt’s: Ich hatte ein Riesenproblem und echte Angst vor dieser Beichte, wenn ich dran komme. Das Problem war nämlich: Egal, wie ich mir das Gehirn zermarterte – tagelang, nächtelang vorher –, ich bin alles durchgegangen. Ich fand einfach nichts. Keine brauchbare Sünde. Gleichzeitig schämte ich mich genau dafür kolossal.
„Ich will mir doch wohl nicht einbilden“, sagte ich zu mir selbst, „dass ich frei von Sünde bin. Das ist doch kein Mensch.“
Aber mir fiel nichts ein. Ich schwöre es euch.
Tja – und der Knaller ist nun wirklich kaum zu überbieten:
Meine erste echte Sünde, gezielt, geplant und hinterhältig, begann ich im Beichtstuhl. Dort erfand ich nämlich eine Sünde, die ich überhaupt niemals begangen hatte. Ich erfand, ich hätte etwas Schlimmes angestellt, und als das aufgefallen sei, hätte ich behauptet, meine Schwester wäre es gewesen.
Dem Himmel sei Dank, dass der Pastor, der die Beichte abnahm, nicht nachfragte: “Was denn genau?” , denn da hätte ich mir ganz schnell eine zweite Lüge ausdenken müssen.
Ja, jedenfalls: Das Ganze stimmte überhaupt nicht. So war das. Und wen hätte ich denn fragen sollen?
Ich konnte auch nicht zu meinen Eltern sagen:
„Mama, Papa, mir fällt nichts ein. Wisst ihr irgendwas?“
Ich konnte meine Eltern nie irgendetwas Privates fragen. Damals habe ich das alles noch gar nicht so begriffen, aber meine Mutter wollte mich nie in ihrer Nähe, und sie hat sich auch nie wirklich um mich gekümmert.
Natürlich hat sie mich versorgt. Ich hatte immer schicke Frisuren, schicke Anziehsachen, sah aus wie aus dem Bilderbuch. Aber sie berührte mich niemals und sah mich auch nicht an. Sie hat auch keine privaten Gespräche mit mir geführt. Und wehe, ich “atmete” mal falsch – um Gottes willen. Sie hätte sofort herumgeschrien:
„Für was hältst du dich?“
Sie hätte sofort meinen Vater dazu geholt und gezetert:
„Guck dir dein Blag an. Sie meint, sie wäre ohne Sünde“, oder so.
Nun ja. Die Zeit ging weiter, und ich blieb ehrlich – immer und durchgängig.
Ich kann mich aber daran erinnern, dass ich so mit 28, 29, 30, 31 in einer Lebensphase war, in der ich es mir angewöhnt hatte, ständig ganz spontan, ohne nachzudenken, in jeder unbequemen Situation eine kleine Notlüge anzuwenden. Das war nichts Großartiges, …aber wie leicht mir das über die Lippen kam!
Der Hammer war: Mir fiel das noch nicht einmal auf.
Ich realisierte es erst nach drei oder vier Jahren, als eine Freundin lachend in die Runde prustete:
„Hey, Gerburgis, du bist echt nie um eine Antwort verlegen. Guckt mal, die Gerburgis – die kann das einfach so, frei aus dem Stegreif!“
Da wurde mir das schlagartig klar. Und da merkte ich: Was mache ich hier eigentlich? So einfach …kann und darf man sich die Dinge im Leben nun aber weiß Gott auch nicht gestalten. Unfassbar, wie mir dieser Notlügenmodus beteirs in Fleisch und Blut übergegangen war!
Und vor allen Dingen: Ich verschwendete pausenlos und ohne Not diese Option zu lügen für so einen oberflächlichen Blödsinn, für komplett unwichtigen Situationen.
Man soll niemals lügen. Aber wenn überhaupt, dann muss man es sich wirklich aufsparen – für eine ganz große, krasse, einem ausweglos erscheinende Sachlage. Selbst dann gilt es noch abwägen. Aber was mache ich denn hier??
Ich konnte es gar nicht fassen und war froh, dass mir das endlich aufgefallen war. Dann hatte ich mir das sehr schnell wieder abgewöhnt – nicht von einem Tag auf den nächsten, aber doch innerhalb eines halben Jahres.
So ging es eigentlich weiter bis zum heutigen Tag, nur mit einem Unterschied zwischen damals und heute.
Obwohl ich wirklich immer die Wahrheit gesagt hatte, auch bei unangenehmen Sachen – ich hatte ja nichts Schlimmes gemacht –, gab es zum Beispiel Alltagsmomente, in denen mich jemand fragte:
„Was ist los mit dir? Magst du mich nicht? Oder hast du etwa Angst vor mir?“
Da habe ich niemals ausweichend und diplomatisch geantwortet. Da hätte ich dann die Wahrheit gesagt:
„Ich mag dich schon, aber ich habe Angst vor deiner Frau. Die guckt immer so böse von oben an.”
Irgend so ein Quatsch. So etwas Peinliches – da hätte jeder eine Notlüge gebraucht. Ich nicht. Nie.
Trotz meiner gnadenlos blamablen Permanent-Ehrlichkeit wurde mir dennoch ständig Unehrlichkeit unterstellt. Mir wurde nie etwas geglaubt. Mir wurden ständig irgendwelche hinterhältigen Intentionen in meinem Verhalten angedichtet. Ich war oftmals am Boden zerstört. Ich habe unendlich viel geweint damals und konnte es nicht begreifen, was denn an mir solche merkwürdigen Signale ausstrahlt, dass jeder mir misstraut.
Viele Jahre später kam ich dann dahinter – auch wieder durch die Hilfe anderer –, dass viele Leute nicht damit zurechtkamen, dass ich so offen, so ehrlich und so authentisch war. Und dass diese Leute sich in vergleichbaren Situationen regelmäßig ganz anders verhalten hätten und ihr eigenes (Fehl-)verhalten ganz selbstverständlich auf mich projizierten.
Auf sowas Bizarres muss man erst einmal kommen!
Jedenfalls war das sehr traurig und sehr verletzend. Ich war zutiefst verunsichert und begann, ohne es selber zu merken, immer stärker werdend an mir selber und an allem, was mich ausmachte, zu zweifeln.
Meine eigene Mutter – die mir über Jahrzehnte hinweg mit angewidertem Gesichtsausdruck erklärte, sie könne mich nicht ertragen,
meine Mutter, die mir immer gesagt und gezeigt hatte, dass ich minderwertig bin, die mich gedemütigt, erniedrigt und in geradezu sadistischer Manier immer wieder ausgegrenzt und bloßgestellt hatte - sie war die Letzte, zu der ich hätte gehen können.
Wenn ich jemals dachte, ich könnte mich tränenüberströmt an sie wenden und sagen:
„Mama, das und das ist passiert, und ich verstehe das nicht – die behaupten alle so und so“,
dann schrie sie mich voller Verachtung an, spöttisch, ironisch und sarkastisch in Einem:
„Hör auf mit deinen Geschichten! Das wird wohl alles so gewesen sein.“
Nicht nur in kleinen Situationen.
Ich bin einmal vergewaltigt worden. Auf dem Hinterhof der Stadtkirche in meiner Stadt.
Das hatte mich völlig verstört (nicht traumatisiert!), und ich versuchte, ihr stammelnd, unsicher und stockend irgendwie zu erzählen, was passiert war.
Meine Stoffhose war durch den Vorfall am Hosenbund zerrissen, und ich sah wohl „ziemlich durch den Wind“ aus. Jedenfalls war ich völlig durcheinander und – zumindest für den Moment – total überfordert mit der Situation.
Alles, was sie dazu äußerte, war:
„Ja ja, nun hab dich mal nicht so. Das wirst du wohl schon so gewollt haben.“
Oh mein Gott, ja – aber keine Angst. Ich bin nicht traumatisiert davon. Mir sind so viele weitaus tragischere, dramatischere und schlimmere Dinge geschehen, bei denen sie zusah, lachte oder sogar unterstützte. Aber dies nur als Randinformation. Mein Text soll sachlich sein, keineswegs emotional.
So war das zu der damaligen Zeit.
In der heutigen Zeit bin ich immer noch ehrlich, aber es ist alles komplett anders. Ich bin ein sehr, sehr selbstbewusster Mensch. Ein Mensch, der mit sich absolut im Reinen ist.
Ich bin immer noch hoch authentisch, und diesbezüglich ausgesprochen zufrieden mit mir.
Dennoch habe ich mich des Öfteren selbst im Verdacht, dass ich mit meiner – die anderen oft überrumpelnden – Ehrlichkeit auch durchaus ein klein wenig kokettiere. Na ja, und wenn schon.
Also: Ich bin noch genauso ehrlich wie damals – habe lediglich “den Spieß umgedreht”.
Das war allerdings ein meilenweiter Weg bis heute.
Ich würde sehr gerne behaupten, mir diesen langen Weg und meine heutige Situation hart erkämpft und fokussiert sowie unerbittlich erarbeitet zu haben.
Nun ja – vermutlich schon. Ein bisschen.
Aber auch die folgende Überlegung gehört dazu, wenn man schon – so wie ich – den Anspruch auf unbedingte Ehrlichkeit erhebt: Ich glaube, der Hauptanteil liegt darin, dass ich de facto einfach nichts mehr zu verlieren hatte.
Man erlangt eine Art Unabhängigkeit der sehr speziellen Art.
Jedenfalls glaubte ich das.
Mein Leben und meine Situation erschienen mir so.
Stellenweise ist sogar eine gewisse Art von Überheblichkeit dazugekommen. Denn heute stelle ich mich hin und sage:
Wer, bitteschön, sollte es mir denn wert sein, dass ich seinetwegen in einer Situation lüge?
Mir fällt niemand ein.
Wäre ich jetzt eine Bankräuberin oder eine Mörderin – wer weiß, ob ich dann auch noch so reden würde. Aber so etwas bin ich ja nicht.
⸻
So, das ist das Eine, das ich erzählen wollte.
Parallel dazu denke und hinterfrage ich aber immer noch eine zweite Sache – bei mir selbst –, und zwar schätzungsweise, seit ich 29 oder 30 bin. Vorher nicht.
Regelmäßig und immer wiederkehrend frage ich mich im Zuge einer sorgfältigen Selbstreflexion (bis zum heutigen Datum), ob mir da nicht möglicherweise mehr “durch die Lappen” geht, als mir überhaupt bewusst ist.
Erkenne ich wirklich alles?
Bin ich tatsächlich immer so ehrlich, wie es mir erscheint? Lüge ich tatsächlich zu keinem Zeitpunkt, ...oder gibt es viele kleine Situationen, die ich möglicherweise gar nicht bemerke?
Ich hatte als Jugendliche einmal gelesen: Ein Mensch lügt durchschnittlich soundsoviel Mal an einem einzigen Tag. Das konnte ich mir auf mich bezogen überhaupt nicht vorstellen. Darum hatte ich mir das zur näheren Info genauer durchgelesen.
In der besagten Studie wurden ganz viele Beispiele aufgezählt. Es würde schon damit beginnen, man träfe beispielsweise jemanden auf der Straße. Derjenige würde sagen:
„Hi! Wie geht’s?“
Und ohne nachzudenken antwortet man höflich und etikettekonform:
„Danke, gut!“
Behauptet die Studie.
Oder man sagt selbst:
„Hi, wie geht’s?“
und meint es gar nicht ernst. Meint es als Floskel.
Na – da ging es schon los. Ich dachte sofort: Nein, das ist bei mir völlig anders! Und das ist und war es auch tatsächlich.
Ich meine es immer aufrichtig, und ich antworte auch immer ernsthaft, wenn jemand zu mir sagt:
„Wie geht’s denn so?“
Dass die Fragenden selbst das oft unbedacht und einfach nur so daherquatschen – auf diese Idee bin ich erst vor wenigen Jahren gekommen. Das wusste ich all die vielen Jahre gar nicht. Ich nahm stets alles für bare Münze, was andere Menschen zu mir sprachen.
In dieser Art ging es dann weiter in diesem wissenschaftlichen Bericht.
Aber dann! Auf einmal bin ich unerwarteterweise doch noch fündig geworden – bei meinem Selbst-Wahrheits-Check!
Und zwar in zwei oder drei vereinzelten, so kleinen Randsituationen, an die ich mich lange überhaupt nicht erinnerte.
Situationen, in denen vielleicht jemand genau in dem Moment, in dem ich zugreifen will, das allerletzte Stück Marzipantorte von der Platte nimmt. Daraufhin meinen verdutzten, etwas enttäuschten Blick auffängt und mich erschrocken fragt:
„Oh, sorry! Wolltest du das? Hattest du dich schon darauf gefreut?“
Und dann würde ich wahrscheinlich – heute auch noch – immer antworten:
„Ach nein, nein – kein Problem!“
Voll die fette Lüge.
Voll die fette, überflüssige Lüge.
Nun gut, das ist jetzt nur eine kleine Situation. Nichtsdestotrotz ist es aber wieder einmal die Unwahrheit.
Die Wahrheit wäre gewesen, zu sagen:
„Ja, du hast recht. Aber ich hatte eigentlich schon genug. Iss du mal ruhig dieses letzte Stück.“
Das wäre mein wirkliches Denken.
Jetzt fragt ihr euch bestimmt:
Meine Güte – hat sie denn nichts Wichtigeres zu tun?
Über was denkt sie hier stundenlang nach?!
Ich sage es euch:
Das war wirklich eine kleine Alltagsepisode; die ist nicht elementar wichtig.
Nur: Darum geht es mir bei meiner ganzen Selbstreflexion überhaupt nicht.
Es geht mir darum:
Wie zuverlässig und wie präzise nimmt man sich selbst wahr?
Da mag es Unterschiede geben. Und selbst, wenn man schon ganz gut darin ist – das kann man trainieren, das weiß ich –, wird es einem denn wirklich jemals gelingen, richtig und zu hundert Prozent ehrlich zu sich selbst zu sein?
Und vor allen Dingen:
Selbst dann, wenn man alles infrage stellt – so wie ich als Kontrollfreak auch bei mir selbst alles infrage stelle und immer wieder gegenfrage –, ist einem denn überhaupt alles bewusst?
Sieht man es denn alles?
Ich habe zum Beispiel bestimmt 25 Jahre lang darüber nachgedacht, warum ich mit 13 eine kleine Sache erfunden hatte und sie zu Hause erzählte.
Ich war wie gesagt 13 Jahre alt und durfte bei meiner Freundin Susi schlafen. Sie hatte – wie alle anderen Kinder auch – eine Mutter, die sich verhielt: wie sich eine Mutter eben verhält. Und Susi verhielt sich wie ein Kind.
Ich formuliere das deshalb so, weil es kein vor Liebe und Inbrunst überschäumendes Verhältnis war. Es war einfach stinknormal. Ein herzliches Mutter-Kind-Verhältnis.
Mir fiel das nur deshalb so massiv auf, weil es bei mir zuhause ganz anders war, und weil ich mir immer gewünscht hatte, bei mir wäre es ebenso wie bei den Freundinnen.
Jedenfalls kam ich wieder nach Hause. Meine Mutter fragte niemals:
„Wie war’s?“
Sie fragte:
„Hast du dich gut benommen?“
Damals trug ich ganz lange Haare. Ich bin blond und hatte meistens einen Zopf ganz aus dem Gesicht heraus, mal geflochten, mal nicht. Ich liebte es zu der Zeit – so wie ich es bei manchen Schauspielerinnen in Klatschzeitschriften gesehen hatte – bei meiner Langhaar-Zopffrisur links und rechts an den Seiten je eine mit dem Lockenstab gedrehte Strähne herunterhängen zu haben.
Wisst ihr, so wie auf den ganz alten Fotos von Ivana Trump.
Ich fand das todschick.
Ich wusste aber nicht, wie man das macht und wie diese Frauen das überhaupt bei sich selbst machen. Ganz, ganz selten – wenn ich wirklich schon drei Tage und drei Nächte gebettelt hatte – machte mir das meine Mutter. Sie machte mir dann für zwei, drei Stunden links und rechts Lockenwickler hinein. Wenn man die herausnahm, lockte sich das so. Wahrscheinlich machte sie das nur, weil ich sie irgendwann wirklich genervt hatte.
Jedenfalls kam ich zurück von Susi. Meine Mutter fragte, ob ich mich gut benommen hätte. Ich sagte:
„Ja, sehr.“
Und ich erzählte, Susis Mutter sei so nett gewesen, sie habe mir sogar zwei Strähnen gemacht.
Das war gelogen.
Das Blöde war: Später haben unsere Mütter miteinander telefoniert. Meine Mutter sprach sie darauf an und bedankte sich. Susis Mutter wusste von nichts.
Da stand ich – die Lügnerin.
Oh mein Gott, hat sie mich strammstehen lassen. Ich hatte mich so unglaublich geschämt. Irgendwann war die Situation überstanden.
Und jetzt kommt’s:
25 Jahre lang habe ich mich gefragt, warum ich das wohl gesagt hatte. Es gab doch keinen Grund. Warum denn?
Nach den ersten fünf Jahren dieser 25 Jahre kam ich zu der Erkenntnis:
Ja, wahrscheinlich wollte ich mich einfach wichtig machen. Beachtung von meiner Mutter oder so. Das ist nachvollziehbar. Das wäre auch im logischen Sinne schlüssig.
Das muss es gewesen sein. Einen anderen Grund gibt es nicht.
Und was soll ich euch sagen?
All die vielen Jahre war ich felsenfest überzeugt, so war das – und nicht anders.
Erst kürzlich – ich weiß gar nicht, wieso – fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Das stimmt doch alles irgendwie gar nicht.
Ich hatte mir das aus einem ganz anderen Grund ausgedacht. Und da bin ich mir jetzt ganz sicher, obwohl es so lange her ist.
Ich hatte das erfunden, weil ich mir das für mich selbst so ausgedacht hatte. Ich hatte keine liebevolle, fürsorgliche Mutter. Keine Mutter, die mir ein nettes Wort sagte oder einfach freundlich und lieb zu mir war. Bei meinen Freundinnen erlebte ich das hingegen ständig. Das machte mich irgendwie so ...”sehnsüchtig”.
Da hatte ich mir das für mich selbst schlicht frei erfunden: dass eben Susis Mutter so nett zu mir war.
Die Wahrheit ist: Susis Mutter war immer nett zu mir – aber ganz normal nett, wie man eben zu den Freundinnen seiner Tochter ist. Doch ich wollte auch einmal so eine liebevolle Geste erleben. Also hatte ich mir das für mich selbst einfach ausgedacht.
Irgendwie finde ich das rückblickend richtig tragisch. Mein Gott – ich war schon ein verlorenes Seelchen. Aber es ist, wie es ist.
Worauf ich eigentlich hinaus will – und das ist der Kern meines ganzen Beitrags:
Selbst wenn wir uns noch so anstrengen, ich glaube, wir werden niemals dazu in der Lage sein, uns selber vollkommen wahrhaftig und ehrlich zu begreifen.
In meinen Beschreibungen hier geht es nur um zwei gecurlte Haarsträhnen oder diese Lüge im Beichtstuhl, zu der man mich mehr oder weniger genötigt hatte. Letztendlich aber nur deshalb, weil ich es nicht wagte, zu meiner Mutter zu sagen:
„Mama, mir fällt einfach nichts ein. Fällt dir vielleicht etwas ein, was ich beichten könnte?“
Aber ich frage mich die ganze Zeit:
Was für viel tiefergehende, viel schwerwiegendere und viel bedeutungsvollere Dinge bin ich vielleicht immer noch nicht in der Lage, bei mir selbst zu sehen oder mich zu erinnern oder überhaupt zu entdecken – wo ich ganz unten vielleicht gar nicht ehrlich war?
Eines ist klar: Dass es diese Momente nicht gibt, das schließe ich aus.
Kann ja sein, dass ich – wenn man alle Menschen in diesem Land nimmt – vielleicht zu der Gruppe der Ehrlicheren gehöre. Das will ich wohl gerne glauben.
Aber:
Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
⸻
Meditation / Weg
Zur Erinnerung: In meinem Text geht es nicht um Sünde, auch nicht primär um Ehrlichkeit, sondern darum, inwieweit wir tatsächlich dazu in der Lage sind, unser eigenes Denken, unser Handeln und auch unsere Intentionen, die uns zum Handeln anleiten, objektiv wahrzunehmen.
Wie ich bereits erwähnt habe, kann man das trainieren – das ist ja schon einmal etwas.
Meine Einschätzung und Theorie ist aber, dass der einzig wirklich weiterbringende Weg in diesem Zusammenhang der konsequente und jahrelange Weg der Meditation beziehungsweise der Meditationspraxis ist.
Erst wenn man wirklich alle Anhaftungen des Selbst überwunden hat, kann man klar sehen und erkennen.
Glaube ich.
⸻
Nachtrag
Ich beschreibe und analysiere hier ausschließlich meinen eigenen Denkweg aus der Ich-Position heraus. Der Text erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und stellt weder eine Empfehlung noch ein moralisches Gerüst dar.


so schön zu lesen… manches fühlt sich an, wie aus meinem leben geschrieben. „himmelherrgott“ (***kreisch*** du sollst doch den namen gottes nicht achtlos aussprechen!!!)… in sachen beichtstuhllüge gings mir 1:1 wie dir, aber den anderen auch… ich erinnere uns, wie wir briefchen mit möglichen verfehlungen austauschten. ich hab den verdacht, dass wir alle das mehr oder weniger gleiche aufsagten.
meine letzte beichte war dann nachdem ich meinen ersten freund im biblischen sinne „kennengelernt“ hatte. ich war da grad echt so krass drauf, dass ich’s beichten wollte… und der priester (der ja auch unser religionslehrer war), meinte, ich solle es einfach bis zur ehe bleiben lassen. das wars dann mit der beichterei…
hab gemütliche feiertage!
Ewig währt am längsten 🥸